"...Lara Bandilla las ihre Geschichte „EDEN“ vor ihrem Ölbild “EDEN – September“ und man merkte erst ganz langsam, wie sehr Text und Bild eine Symbiose eingehen, und je mehr man von der Geschichte verstand, um so mehr konnte man Stück für Stück die Botschaften des Bildes entschlüsseln.

Die Geschichte handelt von Daniel, einem jungen Mann mit einer besonderen Begabung, er hat ein spezielles Auge für die Natur: “Ich musste  eine Pflanze nur ansehen und ich wusste, wie es ihr ging“. Für ihn sind Pflanzen wie Menschen, die nur aufbegehren „wenn die Läuse am eigenen Stängel nagen.“...das bekannte Thema der Naturbedrohung, Umweltverschmutzung und entsprechendem Weltuntergang wird hier in einer außergewöhnlich kreativen Geschichte erzählt. Denn in dieser Art roadstory wird Daniel vom smarten Studenten der Gartenbauwissenschaft mit kleiner Wohnung aber ohne Freundin zum einsamen, sanften Rebellen, der mit Hilfe der Natur versucht, das verlorene Paradies zurück zu holen, den Garten Eden eben... allerdings – und das weiß auch Daniel - ist all dies leider nur eine Phantasie, ein schöner Traum, ein Märchen, eine heimliche Sehnsucht nach dem verlorenen Paradies oder dem Garten EDEN. Genauso wie seine Phantasie, ist ihm für diesen apokalyptischen Ritt von Beginn an kafkaesk ein Hundeschweif gewachsen, der ihn die gesamte Geschichte über begleitet...

 

Dr. Michael Troesser, K24 Ratingen, 2018

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Die beidseitig die Fahrbahn säumenden Bäume tänzelten im Sonnenlicht, ansonsten gab sich die Bergstrasse eher bescheiden, während die Maulbeerplantage aussah, wie die elysischen Felder selber oder wie aus einem Werbespot für irgendetwas, das mit Cerealien zu tun hat und in dem glückliche Familien in Gegenlicht und Natur viel lachen und man ärgert sich, weil man sieht, wie dämlich das ist und trotzdem könnte man heulen, weil ein Teil in einem auch inmitten einer großen Familie glücklich durch die Scheißfelder rennen will. Die Pflanzen funkelten im Wind, ihr Grün vergoldet von der Sonne, der Himmel so weit, die Welt so frei.

Ich verspürte Unbehagen, ein leichtes Jucken an der Seele.

Als ich später zu Hause war, die Yucca sich nach dem Umtopfen ausstreckte und sehr frischgeduscht aussah, setzte ich mich ans Fenster und aß eine Banane. Essen ist bei mir kompliziert. Das liegt vor allem daran, daß ich irgendwann einmal eine Geschichte von Roald Dahl gelesen habe, in der jemand die akustische Frequenz von Pflanzen hören konnte. Die Schmerzensschreie einer Kartoffel, die gerade geschält wurde. Das verzweifelte Wehklagen eines Getreidefeldes, während des Mähens. Seitdem war ich appetitlos. Aber irgendetwas mußte man ja essen. Also ass ich fast alles, aber ungern und wenig und ich schob es hinaus, solange es ging. Während ich an der Banane kaute bemühte ich mich, an etwas anderes zu denken. In meiner Wohnung war es sehr still. Ich hörte gedämpft die Unterhaltung meiner Nachbarn. Der Versuch, sich vorzustellen, wie sie wohnten, scheiterte, mir fiel nichts ein. Ich hatte keine Ahnung von ihrem Leben. Sie natürlich auch nicht von meinem. Wahrscheinlich wußten sie nicht mal, daß es mich gab. Was irgendwie auch egal war. Aber ich mußte mir vorstellen, wie ich und all diese Menschen in ihren Wohnungen saßen und da vor sich hinlebten, jeder webte an seinem Leben herum, all diese Wohneinheiten, die ganze Stadt ein riesiger Kokon, ein summendes, belebtes Ding, exkrementären Dreck austropfend, ein giftiges Insektennest, gefährlicher noch als das von Hornissen. Ein großer, immer hungriger Kokon von Killern, denn das waren wir, das wurde mir gerade ganz klar, wir waren Killer, wir hatten die Wiesen unter Teer und Asphalt begraben, die Bäume gefällt, alles zerstört, was schön und sonnig war, wir hatten das Auenland geknechtet und zerstört. Das war es, was sich mir auf einmal vor die Realität schob: ich sah eine Erinnerung an die Welt, wie sie gewesen war, bevor wir uns über sie hergemacht hatten. Wie ein Phantomgliedmaß war noch ein transparenter Abdruck in der Luft, als atmete die Erde selber die Erinnerung aus. Die Stille im Zimmer wurde eng und ich schlüpfte schnell in meine Turnschuhe und ging hinaus. Ich ging einfach Richtung Osten, in die Innenstadt. So etwas tat ich oft. Von einem Ende der Stadt zum anderen, zwanzig, fünfundzwanzig Kilometer, ich war das gewohnt. Der Himmel war schneidend hell, kristallin das Weiß der Wolken, kraftvoll der Wind, die Sonne stach lange Lichtfäden in die Straßen und zog sich an ihnen spinnenartig über die Stadt, wie ein gewaltiges, göttliches Untier. An der Oranienburger Straße verschwammen die Häuser und ich sah an ihrer statt eine weite Fläche, deren sumpfige Oberfläche feucht glitzerte. Es war schön und ich wurde wütend. Ich werde sonst nicht leicht wütend. Ich kann mich eigentlich nicht erinnern, überhaupt jemals richtig wütend gewesen zu sein. Aber das hier war nicht richtig. Es war nicht richtig, daß da Häuser standen, sie hatten kein Recht, da zu stehen und Schatten zu werfen, sie sollten einstürzen, der ganze fette Kokon sollte zu Staub und Asche werden.

„Gottes freie Erde“, flüsterte ich, vielleicht ein bißchen lauter als ich dachte, denn eine Gruppe Japanerinnen sah mich an und normalerweise sieht mich nie jemand an.

„Gottes freie Erde“, sagte ich laut, als ich den ganzen Weg zurückgelaufen war, bis in die Domäne Dahlem und dort allein mit ein paar Pferden auf der großen Wiese stand. Die Pferde schnäubelten warm. Der Abend brach an. Ich wußte, was ich zu tun hatte. Ich streichelte das Gras und fühlte mich, als wäre ich nach jahrzehntelangen Irrfahrten zu Hause angekommen, Odysseus reloaded sozusagen. Aber im Gegensatz zu ihm fing meine Arbeit jetzt erst richtig an.

Zur Uni bin ich schon lange nicht mehr gegangen und ich vermute, das ist niemanden aufgefallen. Das macht aber nichts. Wir sind hier in einer großen Stadt. Was da jemand tut oder nicht, merkt meistens sowieso keiner. Aber meine Erfahrung an der Universität war trotzdem sehr nützlich, denn ich kenne die ganzen Anlagen in Dahlem und weiß, wo ich welches Saatgut oder auch mal eine besondere Pflanzenart finden kann, von Samen und Zwiebeln gar nicht zu reden. Das hört sich jetzt vielleicht ein bißchen verschroben an, aber ich bin mittlerweile fest davon überzeugt, daß die Pflanzen mich ausgesucht haben. Denn sie brauchen Unterstützung für ihr Vorhaben, das man wohl am ehesten als eine sanfte Revolution bezeichnen könnte. Um eine Stadt zu erobern, braucht man als Pflanze Hilfe und da komme ich ins Spiel. Die Sommerzeit ist günstig, denn viele Häuser und Gärten stehen jetzt ferienbedingt leer und in Wohnungen kommt man meist leichter herein, als man meint. In Gärten pflanze ich bevorzugt Dendrocalamus giganteus, auch bekannt als Riesenbambus.  Das ist sozusagen der Usain Bolt unter den Pflanzen, so schnell wächst er. Im Ernst, neulich bin ich in Zehlendorf an ein paar Villen vorbeigeschlendert, in deren Gärten ich vor ungefähr zwei Wochen den Dendrocalamus entfesselt habe und konnte neun Meter hohe Bambuswäldchen bewundern.Neun Meter! In Wohnungen und Kellern arbeite ich mit Sporen, Moosen, Flechten und Pilzen, vor allem Badezimmer pilzen schnell zu, besonders wenn man den Wasserhahn laufen lässt, gleiches gilt für Küchen und es schadet auch nichts, noch großzügig Schnecken, Spinnen- und Insektenlarven zu verteilen. Die Spree ist sehr anfällig was gewisse Algenarten betrifft und an einigen Stellen haben sich wirklich fast über Nacht richtige Teppiche gebildet, so dick daß man sich am liebsten darauf legen würde, wenn die Mücken und Schnaken nicht wären. Sehr stolz bin ich auf die Sache am Brandenburger Tor. Da half mir der Zufall, aber das kann er auch ruhig mal tun.

 

Auszug aus EDEN

 

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