Ein Blick über schwereloses Wasser, klare, zauberhafte Weite, ein Horizont aus weißem Gold, Tor in die Unendlichkeit, eine ewige blaue Stimme,

Eine Herde von Bergen, die durch das Wasser ziehen, Buckel der Zeit, zernarbte Rücken, die sich an Sonne und Mondlicht scheuern,

Vögel, Tänzer über dem Erdball, die raue, weiße Anmut der Möwen, das schwarze, schnelle Gleiten der Mauersegler, die den Himmel schneiden mit ihrem Schrei,

Die Strahlen der Sonne unter Wasser, brechendes Glas aus Licht, flüssiger Kristall, in blauer Kühle treibend,

Wolken, die Seelen toter Berge, die ab und zu vorüberziehen, um unter sich die harten, großen Felsen liegen zu sehen, die sie selbst einst waren,

Und über allem und durch alles immer wieder die blinde Weite, Wasser wie Himmel, Meer aus Luft,

eine ewige blaue Stimme.

 

 

 

Klar der metallene Ruf der Mauersegler, die sich mit lachender Geschwindigkeit in die Häuserschluchten werfen, schreien vor Wahn und Übermut und mich, gleich flirrend schwarzen Pfeilen, mit einer Erinnerung treffen, die ich zu dieser Stunde noch nicht orten kann und die als dumpfe Sehnsucht nach irgendetwas schwerfällig in mir niedersackt.

Ich gehe zu dem Fenster auf der Südseite der Wohnung, sehe die Tentakeln des Lichtes von Osten kommend sich um alles winden, alles fressen, hinter ihnen, hungrig und schwerfällig, ihr großer, blendender Leib. Und wieder ist da etwas; der Wind ist das Pferd,  auf ihm reitet ein Duft seinen Angriff, zielt und trifft, schlägt mich mit Erinnerung und verschwindet voll Gleichgültigkeit für mich, die steht, entmachtet von Sehnsucht.

Hitze. Ich rieche steigende Hitze, verbranntes Gras über Nacht abgekühlt, jetzt von dem ersten Licht aufs neue ausgedörrt. Ich rieche trockene Kadaver von Pflanzen, den Urin von Katzen, Hunden und Menschen auf dem Straßenpflaster, schon fast getrocknet presst die Sonne den letzten Tropfen dieses Geruches aus dem Stein.Ich rieche die saure Fäulnis der Mülltonnen, die Blüte des Oleanders, die sich bereitwillig vor der Sonne aufspreizt, den süßen Gummi der Autoreifen, würziges Holz der Fensterläden, Teer der Straße, Stein der Mauern -  alles stößt mit der ersten morgendlichen Ausatmung seinen vollen Geruch aus und alles zusammen, dieses ganze Gemisch aus Gerüchen, ist der Duft, der mich trifft, den ich so gut kenne, die Hitze. Gehüllt darin wie eine Königin in ihren Mantel, die Erinnerung, gebieterisch stellt sie sich zwischen die Wirklichkeit und mich, ihr Sein in Körper und Sinne eingezeichnet.

Ich höre die blaue Stimme so kraftvoll und klar, als ob ich bei ihr wäre und spüre gleichzeitig den Schmerz, nicht wirklich bei ihr zu sein.

 „Mich vergisst man nicht“, sagt sie ,“Du vergisst mich nicht“.

Ich vergesse nicht.

Die äußerste Ecke des Hausdaches war mein Platz.Von dort sah ich alles und sah auf die Zeit.

Im Südosten: Küste, die im Dunst verschwand, Meer, gewaltig, weit, zart, mit jeder Stunde sich verändernd, von flachem Glas zu lautem Blau, ein Petrol, mit stumpfem Silber abgemilcht, an der Oberfläche gleichmäßige Wellen wie aus Beton, hineingezerrt mit klaren Blau die eigenartigen Linien der Strömungen, unbegreifliche Schriftzeichen einer anderen Welt. Ein Preussischblau, fett aufgetragen, mit Millionen weißer Schaumkronen, eine Armee tanzender Wellen, wild, strahlend, unbezwingbar. Ein Ultramarin auf schwarzen Grund gelegt, darauf die Bahn der Sonne, gleißendes Weißgold, an den Rändern sich Welle für Welle in das Blau ziehend, ein flacher Strahl bei ruhigem Wasser, ein funkelndes, grossgerastertes Glitzern bei Wellengang, jedem Lichtkopf seinen eigenen schwarzen Schatten. Eines der mir liebsten Gesichter am späten Nachmittag - das Cyan stark mit Weiß gehellt und einer hauchfeinen Lasur von Sonnengold darüber, so dünn, dass Blau noch nicht zu Grün wird, ein zarter, ruhiger Luftton, weit, weit den Horizont nach hinten schiebend, an den Enden der Welt ihn hell und luftig auseinanderziehend, so dass das Meer in den Himmel fließt und umgekehrt der Himmel sich in das Meer mischt.

Das war die Freiheit. Ich fühlte diesen Blick, dieses Blau, in meiner Lunge, die ruhig und tief wie sonst nie atmete, in meinem Blut, das sauber und bereit mich durchfloss, in meinen Muskeln, die leicht und stark um meine Knochen lagen, in meinem Herzen, das Frieden fand und in meinem Kopf, dem endlich vor der soviel kraftvolleren blauen Stimme das eigene, ununterbrochene Gerede verstummte. Die blaue Stimme sprach zu mir. Sie nannte mich bei meinem Namen und damit taufte sie mich. Ich mochte meinen Namen, ich wurde mein Name, weil sie es war, die mich damit rief, und weil sie zu mir sprach, war ich gut so, wie ich war. In ihren Armen war ich aufgehoben, befriedet, frei, in ihren Armen war ich so stark wie ein Mensch nur sein kann, denn es gab nichts ungeklärtes, unverstandenes, es gab keine Fehler, keine Versäumnisse, es gab keine Schuld, die zwischen mir und meiner Seele lag. Ich war stark, weil ich frei war und ich war frei, weil mein Denken und Fühlen ungestört war. Und jetzt, da ich an diesem Morgen an dem Fenster stehe und der Duft der Hitze mich an all das erinnert, zerbricht mir das Gesicht vor Trauer und Sehnsucht, die blaue Stimme wiederzuhören.

 

 

Auszug aus DIE BLAUE STIMME

 

 

 

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